Giftschlangen

Was sind Giftschlangen?

Bis Anfang 2013 waren 3432 Schlangenarten wissenschaftlich beschrieben. Diese werden in 24 Familien mit rund 500 Gattungen eingeteilt. Traditionell gelten Giftnattern und Seeschlangen (Elapidae) die Vipern (Viperidae, inkl. Crotalinae) als Giftschlangen. Diese besitzen zwei wesentliche Merkmale, welche sie als echte Giftschlangen auszeichnen:

  1. Echte Giftdrüsen: Diese können mit Hilfe von Muskeln aktiv zusammengepresst und das Gift so herausgedrückt werden.
  2. Echte Giftzähne (Röhren- o. Furchenzähne): Diese erlauben eine gezielte Applikation des Toxins.
    Abgesehen von Vipern und Giftnattern fehlen den anderen Schlangenarten entweder die komprimierbaren Giftdrüsen oder aber die Röhren- bzw. Furchenzähne – in den allermeisten Fällen sogar beides. Viele dieser allgemein als ungiftig geltenden Arten besitzen sogenannt Duvernoy'sche Drüsen. Diese produzieren ein Sekret, das bei vielen Arten proteolytische Enzyme und andere Komponenten enthalten, die es den Tiere ermöglichen, ihre Nahrung effektiver zu verdauen. Einige dieser Enzyme können beim Menschen mehr oder weniger starke Vergiftungen hervorzurufen, falls das Sekret in ausreichendem Umfang in eine Wunde gelangt. Die Symptome reichen hierbei von einem leichten Kribbeln bis zu mehr oder minder umfangreiche Schwellungen. Nur bei ganz wenigen Arten sind schwerwiegendere Folgen bekannt. Selbst bei einigen Riesenschlangen (Boidae) konnte man vor kurzem Toxine im Speichel nachgewiesen. Dennoch darf man diese Tiere keinesfalls einfach als echte und somit potentiell gefährliche Giftschlangen klassifizieren.
    Viele Schlangen besitzen keine ausreichend lange Zähne, um die Haut eines Menschen so stark zu perforieren, dass das Speichelsekret in grösserem Umfang in die Wunde gelangen kann. Aber selbst bei Arten mit ausreichend langen Zähnen kann das Sekret zumeist nicht aktiv in die Wunde appliziert werden, weil keine echten Giftzähne vorhanden sind. D.h. die Zähne dieser Arten sind weder hohl noch besitzen sie eine Rinne, über die das Gift in die Wunde eingebracht werden kann. Um beim Menschen Vergiftungserscheinungen hervorzurufen, müssen diese Schlange ihr Opfer für längere Zeit festhalten und wenn möglich auf der Bissstelle herumkauen. Nur so kann ausreichend Speichelsekret in die Wunde eindringen, dass es zu Vergiftungserscheinungen kommt. Im Normalfall wird das Opfer eines Schlangenbisses das Tier aber so schnell als möglich von der Bissstelle entfernen, sodass der Biss symptomlos verläuft. In der Vergangenheit sind vereinzelt Fälle bekannt und z.T. auch publiziert worden, bei denen Schlangenhalter versuchten eine Vergiftung zu provozieren, indem sie die Schlange für längere Zeit NICHT von der Bissstelle entfernten, um zu sehen, ob und wie das Gift wirkt. Ein solches Fehlverhalten sollte aber keinesfalls dazu benutzt werden, die entsprechende Schlangenart als potentiell gefährliche Giftschlange zu taxieren. Obwohl viele Schlangen also Duvernoy'sche Drüsen besitzen und das von diesen produzierte, potentiell giftige Sekret unter ungünstigen Bedingungen auch in eine Wunde gelangen kann, können die allermeisten Nicht-Viperidae und Nicht-Elapidae als toxikologisch unbedenklich gelten.
    Nur von ganz wenigen Colubridae und Lamprophiidae sind bisher ernsthafte Vergiftungsfälle bekannt. Die meisten gehören zu den sogenannten Trugnattern, einer systematisch uneinheitliche Gruppe von Schlangen, die als gemeinsames Merkmal verlängerte, opistoglyphe Zähne im mittleren oder hinteren Oberkiefer besitzen. Die meisten Trugnattern sind toxikologisch unbedenklich, weil ihre Furchenzähne so weit hinten sitzen, dass sie bei einem Biss nicht in Aktion treten. Nur wenn der Schlange die Gelegenheit geboten wird auf der Bissstelle herumzukauen und sie sich dabei so weit vorarbeiten kann, dass die opistoglyphen Zähne ins gebissene Glied eindringen, kann es zu einer Vergiftung kommen. Aber selbst dann bleibt ein Biss meist unproblematisch, weil das Gift vieler Trugnattern wenig gefährlich ist und nur zu geringfügigen Vergiftungssymptomen (z.B. leichte Schwellung oder Kribbel-Gefühl) führt. Allerdings gilt dies nicht für alle Arten! So sind von einigen grosswüchsigen Trugnattern ernsthafte und z.T. sogar tödliche Bissfälle bekannt. Als besonders gefährlich gelten die Vertreter der Gattungen Dispholidus (Boomslang) und Thelotornis (Vogelnattern).

 

Voraussetzungen für die Haltung von Giftschlangen
Wer Giftschlangen halten will muss volljährig sein und in jedem Fall über eine mehrjährige Erfahrung in der Haltung ungiftiger Schlangen verfügen. Es reicht keinesfalls, dass man zwei oder drei Jahre lang einen Königspython, eine Korn- oder Königsnatter in einem Terrarium gepflegt hat. Bevor man sich eine Giftschlange anschafft, muss man in der Lage sein, auch mit verschiedenen ungiftigen und bissigen Arten umzugehen, ohne ständig blutige Finger zu haben. Wer es nicht schafft, sein ungiftigen Schlangen so zu halten, dass sie nicht aus dem Terrarium ausbrechen, für den gilt in jedem Fall: Hände weg von Giftschlangen!
Bei der Giftschlangenhaltung müssen zwei Aspekten allerhöchste Priorität eingeräumt werden

  1. Wie bei jeder Tierhaltung müssen die biologischen Bedürfnisse erfüllt werden. D.h. jede Schlange muss artgerecht gehalten werden. Sie muss in einem adäquat eingerichteten und klimatisierten Terrarium leben und mit geeignetem Futter versorgt werden.
  2. Die Sicherheit des Pflegers wie auch seiner Umgebung muss jederzeit gewährleistet sein. Giftschlangen dürfen keinesfalls entweichen. Neben abschliessbaren Terrarium muss der Raum, in dem die Tiere gepflegt werden, abschliessbar und für Unbefugte nicht zugänglich sowie für die Schlangen ausbruchsicher sein. Ausserdem muss jeder unnötige Kontakt mit den Tieren vermieden werden.

Um in der Schweiz Giftschlangen halten zu dürfen, muss man seit 2008 einen speziellen, vom BLV anerkannten Giftschlangen-Sachkundekurs besuchen und einen Sachkundenachweis (SKN) erwerben. Mit diesem kann dann beim zuständigen kantonalen Veterinäramt eine Haltegenehmigung beantragt werden. Diese wird nur erteilt, wenn ein Augenschein durch einen Amtsvertreter bescheinigt, dass die Terrarien den im Anhang 2 der Tierschutzverordnung (TSchV) aufgelisteten Mindestanforderungen entsprechen, die nötigen Sicherheitsaspekte erfüllt sind und der Halter als gewissenhaft beurteilt wird. Ausserdem müssen Giftschlangenhalter in den meisten Kantonen eine Haftpflichtversicherung besitzen, die Unfälle mit Giftschlangen abdeckt. Ausserdem muss der Halter Mitglied in einem Serumdepotverein sein oder selbst die nötigen Schlangenseren anschaffen und lagern. Manche Kantone verlangen stattdessen eine spezielle Serumgebühr und finanzieren damit ein eigenes Lager mit Schlangenseren bzw. beteiligen sich an einem solchen. Die Haltegenehmigung wird in der Regel jeweils für 2 Jahre erteilt.

 

Weshalb Giftschlangen halten?
Als Giftschlangenhalter wird man immer wieder mit dem Vorwurf konfrontiert, dass man diese Tiere ausschliesslich aus Geltungssucht halten würde. Im Gespräch mit Nicht-Terrarianern tauchen oft Bilder von ungepflegten, tätowierten Typen auf, die ihre Minderwertigkeitskomplexe mit der Haltung möglichst gefährlicher Gift- und Riesenschlangen kompensieren müssen und diese Tiere jedem Besucher prahlerisch vorführen. Sicher gibt es diesen Typ von Giftschlangenhalter. Die allermeisten Giftschlangenhalter entsprechen diesem Bild allerdings in keiner Weise. Vielfach sind sie ausgesprochen seriös, zurückhaltend und "hängen ihr Hobby nicht an die grosse Glocke". Neben dem Wohl der Tiere steht die Sicherheit im Zentrum.

7 Gründe die für eine Haltung von Giftschlangen sprechen:

  1. Viele Vipern und Grubenottern, aber auch einige Giftnattern bleiben klein und können deshalb auch in relativ kleinen Terrarien mit 80 - 100 cm Länge artgerecht gehalten werden.
  2. Vipern, Grubenottern und manche Giftnattern sind Lauerjäger. Sie sitzen in der Natur wie auch im Terrarium die meiste Zeit in einer Deckung oder auf einem Ast und warten dort auf Beute. Ihr Bewegungsdrank ist verhältnismässig gering, sodass eine Haltung auf dem begrenzten Raum eines Terrarium ihrem geringen Bewegungsdrang nicht widerspricht.
  3. Als Lauerjäger flüchten die meisten Vipern und Grubenottern nicht, wenn man ans Terrarium herantritt, sodass man die Tiere gut beobachten kann.
  4. Fast alle Vipern und Grubenottern, aber auch viele Giftnattern können problemlos mit toten Mäusen oder Ratten ernährt werden. Unter den Echten Nattern gibt es dagegen viele Futterspezialisten, die nur mit ihrer Vorzugsnahrung (z.B. Fröschen oder Echsen) langfristig gesund bleiben. Solches Spezialfutter ist aber in den meisten Fällen nicht regelmässig und in ausreichenden Mengen verfügbar.
  5. Viele Giftschlangenarten haben interessante Verhaltensweisen. So sind einige wüstenbewohnende Giftschlangen (Cerastes spp., Crotalus cerastes, Bitis peringueyi usw.) in der Lage, sich seitenwindend fortzubewegen.
  6. Grosse Giftnattern wie Mambas (Dendroaspis) oder Kobras (Naja, Ophiophagus) faszinieren durch ihre imposante Erscheinung. Allerding benötigen diese Tiere entsprechend grosse Terrarien.
  7. Die meisten Vipern und Grubenottern sind lebendgebärend und deshalb meist recht einfach zu züchten bzw. als gesunde Nachzuchten erhältlich.